Doppelmesser-Seminar mit Sifu Maria Grothe
Eine bunte Schar von ca. 30 Weng-Chun-Kämpfern hat sich im größten Trainingsraum der Aachener Kampfkunstschule von Sifu Haydar Yilmaz versammelt. Etwa die Hälfte kommt aus Aachen, es sind Schüler aus den Niederlanden, Belgien und sogar England angereist. Ein ganz besonderes Seminar steht für sie heute auf dem Tagesplan: Es geht um das Erlernen des Umgangs mit Schmetterlingsmessern (als Synonym wird auch der Begriff “Doppelmesser“ verwendet). Eine uralte Waffe, die von den damaligen Shaolin-Mönchen entwickelt wurde. Die Messer ließen sich wunderbar in den weiten Ärmeln der Mönchsroben vor Blicken schützen und machten binnen eines Wimpernschlags einen augenscheinlich Unbewaffneten zu einem (noch) gefährlicheren Gegner.
Unterwiesen wird die Schar von Sifu Maria Grothe. Einige Videos im Internet geben einen Eindruck davon, wie gut sie mit diesen Waffen umgehen kann.
Wir stellen uns im Kreis auf und erlernen die ersten Bewegungen der Doppelmesser-Form.
Am Anfang der Form werden die Messer noch nicht benutzt, sondern der Ausgangspunkt ist der überraschende Angriff eines Gegners, bei dem man keine Gelegenheit hatte, die Messer im Vorfeld zu ziehen. Die Bewegungen muten etwas wie die aus der Fakuen an.
Danach lernen wir, bevor die Form weitergeht, Grundübungen, die jedem bereits aus dem alltäglichen Weng Chun Training bekannt sind. Es geht um die Prinzipien unserer Kampfkunst. Mit den Doppelmessern lernen wir vorerst, Tai (“Ausheben”) und Got (“nach unten Schneiden”) anzuwenden. Da wir mit den Messern noch nicht vertraut sind, müssen sich die Bewegungen erst in die Köpfe einprägen. Darum lässt uns Sifu Maria Bahnen mit Tai und Got laufen.
Nun kann die Form weitergeführt werden. Ohne es bewusst zu merken, haben wir uns damit dem Fundament des “Wu Dip Dao” (“Schmetterlingsmesser“) erstaunlich schnell angenähert. Denn keinesfalls löst sich der Umgang mit den Doppelmessern von der herkömmlichen Art des Weng Chun ab, sondern es erweitert unseren Horizont lediglich. Alle Bewegungen, Prinzipien und Taktiken des unbewaffneten Trainings lassen sich schnell und effektiv auf den bewaffneten Kampf übertragen. Das macht Weng Chun zu solch einer vervollkommnen und “runden” Kampfkunst.
Sifu Maria erklärt anhand der Prinzipien zu diesem Zeitpunkt noch einen wichtigen Unterschied in der Art des Doppelmesser-Kampfs. Hatten wir bis dorthin Tai oder Got jeweils mit beiden Messern gleichzeitig ausgeführt (—-), wurde uns nun offenbart, das auch eine Vorzeitigkeit der Techniken (—-) angebracht, ja sogar empfohlen wird. Im Klartext heißt das, man reißt beispielsweise bei der Tai-Bewegung nicht beide Arme gleichzeitig nach oben, sondern lässt die Messer nacheinander auf den Gegner los. So wird es schwieriger für diesen, sich gegen die Angriffe zu währen und man selbst befindet sich in einer flüssigeren, harmonischen Dynamik. Folgetechniken können so auch schneller ausgeführt werden.
Und gerade bei der Tai-Bewegung, die ohnehin bei der Anwendung mit Doppelmessern sehr wichtig sei, so Sifu Maria, merkt man, dass grundlegende Aspekte des Weng Chun hinzukommen , die zwangsläufig beachtet werden müssen. Während wir die Form weiterführen und vertiefen, erklärt uns Sifu Maria an Hand der Verteidigung eines Angriffs mit einer Langdistanzwaffe, wie z.B. einem Speer oder einer Hellebarde, wie wichtig es ist, auch den Körper dabei einzusetzen (bei dieser Abwehr-Bewegung werden beide Messer vor dem Körper gekreuzt und dabei die Waffe des Gegners nach unten abgelenkt). So macht sie uns deutlich, dass ein solcher Angriff nur erfolgreich pariert werden kann, wenn man die Waffe des Gegners auch zum Boden drückt. Und das wäre schlicht und einfach mit Abwehren “aus dem Handgelenk” nicht möglich. Die Körperarbeit, die wir im Alltag beim Weng Chun erlernen, spielt also auch beim Wu Dip Dao eine große, wenn nicht sogar größere Rolle. Denn wenn der Körper nicht hinter den Bewegungen der Messer steht, verliert jeder Angriff/jede Verteidigung einen Großteil seiner/ihrer Energie.
Beim Doppelmesser-Seminar stehen nun Partnerübungen an. Im Zyklus lernen wir, den Angriff des Gegners (ein von oben geführter Schnitt zum Kopf) abzuwehren und gleich danach selbst anzugreifen. Der Gegner verteidigt natürlich … und setzt umgehend zum Konter an.
Die Atmosphäre erinnert dabei an ein Scharmützel zu vergangenen Zeiten. Überall erklingt das hohe metallenen Aneinanderklirren der Messer, Ausfallbewegungen der Füße erzeugen ein regelrechtes Donnern im Hintergrund.
Noch einmal wird die Form der Doppelmesser wiederholt, dann wird eine Pause gewährt. Und den Seminar-Teilnehmern sieht man an, dass sie sich diese auch verdient haben.
Nach der etwas längeren Pause wird natürlich an der Form weitergearbeitet.
Mittlerweile sind alle Prinzipien in der Form integriert, so wie in der Fakuen oder Luk Dim Boon Kuen.Danach vertiefen wir in einer Partnerübung nochmals die Prinzipien Kit und Dim.Der Partner greift mit einem Messerstich (Dim) an, der zur Körpermitte geführt wird, während der andere diesen pariert und ablenkt (Kit), bevor er dann wiederum selbst angreift. Bald ist auch diese viel Ausdauer und Konzentration erfordernde Lektion von den Teilnehmern gemeistert.
Nun zeigt uns Sifu Maria eine der sehr eindrucksvollen und anmutenden Techniken, die mit den Schmetterlinsmessern ausgeführt werden können.
Man wendet Got an, rotiert im Flug einmal um die eigene Achse und kommt nach einer weiteren Got-Bewegung zum Stehen. Das ganze wird dabei im Vorwärtsgehen ausgeführt. So wenig anschaulich dies in der Theorie klingt, desto imposanter demonstriert es Sifu Maria vor der gesammelten Gruppe. Erste Skepsis und Vorbehalte, die Technik ernsthaft nachzuahmen, sind schnell verflogen und wir üben fleißig Bahn um Bahn, um dem Vorbild stets näher zu kommen.
Nach dieser sehr kunstvollen Unterweisung geht es dann auch direkt wieder an die Form, die wir nun fast gemäß unseres Kenntnisstandes komplettiert haben. Langsam macht sich bei einigen schon die Erschöpfung bemerkbar, schließlich dauert das Seminar bereits vier Stunden an.
Noch steht aber ein Höhepunkt des Seminars an: Es werden Langstöcke hereingebracht und Sifu Maria erklärt uns, wie wir einen von oben geführten Schlag dieser weitreichenden Waffe abwehren und sogar darauf kontern können.
Mit Got und einer schnellen Bewegung zur Seite und nach vorne unterläuft man den Angreifer, die Doppelmesser sichern dabei den Langstock am Boden. Dann muss nur noch zugestochen werden und der Gegner ist überwunden. Durch diese Übung werden uns die drei Distanzen im Weng Chun (Himmel-Erde-Mensch) verdeutlicht, die beim Kampf mit Waffen eine hohe Bedeutung haben.
So lernten wir also natürliche Defizite der Doppelmesser, wie eben die Reichweite, durch Technik auszugleichen.
Langsam neigt sich das Seminar dem Ende zu und wir schließen es so, wie wir es begonnen haben. Wir laufen noch einmal die Form der Doppelmesser, welche uns tiefe Einblicke in den Umgang mit diesen Waffen gewährt hat.
Zu aller letzt spricht Sifu Maria noch eine Widmung des Seminars für ihre Mutter aus, welche “eine Meisterin war, ohne jemals Kung Fu gemacht zu haben”. Uns berühren die Worte Sifu Marias, so wie uns das gesamte Seminar berührt und beeindruckt hat.
Es wird am Anschluss bei wunderbarem Wetter gegrillt und etliche Gespräche über das neu Erlernte geführt. Am Ende geht ein jeder mit individuellen Gedanken, aber einheitlicher Begeisterung nach Hause.
Wir danken Sifu Maria herzlichst für das Geschenk des Wissens, welches sie der Aachener Weng Chun Schule und ganz persönlich Sifu Haydar Yilmaz gemacht hat und erwarten sehnsüchtig, den Weg des Wu Dip Dao bald ein Stück weitergehen zu können.
Michael Knop
