Geschichte

Die Geschichte des Weng Chun Kung Fu

Viele Kampfkünste betrachten den Süd-Shaolin-Tempel respektvoll als ihren Ursprung. Der Legende nach gelangte der buddhistische Mönch Bodhidharma im Jahr 520 n. Chr. aus Indien kommend in das dortige Kloster von Shaolin (Siu Lam). Dort entwickelte er in Auseinandersetzung mit den Fragen der Ganzheitlichkeit des menschlichen Seins, des Körperbewusstseins, des Umgangs mit Energie, Kraft und der natürlichen Aggressivität des Menschen die Grundlagen des Weng Chun (die Weng Chun Kung Fu Clans feiern daher bis heute den “Geburtstag” von Bodhidharma).
Bodhidharma wurde zum Begründer des Weng Chun Kung Fu und des Shaolin Qigongs (Qi heißt „Atem/Lebensenergie“; Gong heißt „Übung/Arbeit“). Qigong zählt zu den ältesten Heil- und Kräftigungsmethoden Chinas. Die Nachfolger Bodhidharmas bauten verschiedene Shaolin-Kloster in ganz China, die bis ins 18. Jh. das Zentrum der chinesischen Kampfkünste, des Qigongs und des Chans waren. Besonders der südliche Tempel in der Provinz Fukien wurde zur Hochburg des Weng Chun Kung Fu.

Der Tempel der “ewigen Lebenskraft”
Im Süd-Shaolin Kloster wurde ein spezieller Tempel eingerichtet, in dem sich nur die erfahrensten Mönche über Jahrhunderte trafen, um ihr Kung Fu zu verfeinern und zu verbessern. Der Tempel bekam den Namen Weng Chun, was “ewige Lebenskraft”
oder „immerwährender Frühling“ bedeutet.

Die Philosophie – Grund der Effektivität
Für die Shaolin-Mönche stand das direkte Erleben der Wirklichkeit im Vordergrund.
Ihre Philosophie des Chan-Buddhismus bedeutete eine Rückkehr zum Natürlichen und Einfachen. Dies stand oft im Gegensatz zu der Philosophie von Kampfstilen, die außer-
halb des Tempels unterrichtet wurden. Diese bezogen sich oft auf Magie, Glauben oder Gehorsam vor der älteren Generation. Deshalb sammelten sich im Weng Chun Tempel nur die Kampfkonzepte, die wirklich einfach und direkt funktionierten.

Shaolin Abt Chi Sin Sim Si – Bewahrer der Kunst
Aufgrund von Verrat wurde der Shaolin-Tempel im 18. Jh. von den herrschenden Mächten zerstört. Der Shaolin Abt Chi Sin Sim Si konnte mit einigen anderen Mönchen fliehen und auf der “Roten Dschunke” unter falschem Namen als Koch anheuern.
Die “Rote Dschunke” war das Schiff einer chinesischen Operntruppe, die von Stadt zu Stadt schipperte, um das Volk zu unterhalten.

Tiger Wong tyrannisiert die Mitglieder der “Roten Dschunke”
Einer der brutalsten Kung Fu Kämpfer seiner Zeit, Tiger Wong, versuchte Schutzgeld von der Operntruppe zu erpressen. Er setzte ein Ultimatum von einem Tag, nach dessen Ablauf er ihr Boot zerstören würde, wenn sie nicht bezahlen. Der Chef der Opern- truppe, Wong Wah Bo, und seine Schauspieler waren verzweifelt. Sie hatten kein Geld und darüber hinaus konnten sie sich nicht schützen, da sie kein “Kampf-Kung Fu” sondern nur “Opern-Kung Fu” beherrschten. Als das Ultimatum verstrichenen war, glaubten die Mitglieder der “Roten Dschunke” schon ihr Ende nahen.

Der “verrückte” Koch stellt sich dem Kampf
Überraschenderweise stellte sich der in ihren Augen etwas verrückte Koch Tiger Wong in den Weg. Tiger Wong nahm den vermeintlichen Koch nicht ernst und versuchte diesen mit einer einfachen Tigerpranken-Technik am Hals zu fassen. Der “Koch” borgte die Kraft von Tiger Wong und brach ihm sofort zwei Finger. Außerdem riet er ihm, den Kampf sofort aufzugeben, da er chancenlos sei. Tiger Wong geriet außer sich vor Zorn. Ein älterer, einfacher Koch blamierte ihn in aller Öffentlichkeit.
Mit schnellen und brutalen Kettentechniken mit Armen und Beinen versuchte er den Koch zu besiegen. Doch dieser ließ Tiger Wong zunächst ins Leere laufen und fesselte plötzlich dessen Arme und Beine mit “Fangarm-Techniken”. Je mehr sich Tiger Wong bewegen wollte, umso mehr verletzte er sich durch die Fangarm-Techniken des Kochs. Tiger Wong erkannte, dass er seinen Meister gefunden hatte und gab endlich den Kampf auf (der Kampf zwischen Tiger Wong und Chi Sin Sim Si wurde von verschiedenen Weng Chun Kuen Clans in unterschiedlichen Versionen dargestellt).

Das lebenswichtige Geheimnis
Die Mitglieder der “Roten Dschunke” waren völlig begeistert und wollten sofort das Kung Fu System ihres Kochs erlernen. Abt Chi Sin Sim Si gab seine wahre Identität preis und erklärte sich bereit, die Operntruppe im Geheimen zu unterrichten.
Da er einer der am meisten verfolgten Menschen seiner Zeit war, mussten seine neuen Schüler ihm versprechen, nie seinen Namen zu nennen und absolutes Stillschweigen zu bewahren. In dieser Zeit wurden viele Legenden über das Weng Chun gebildet, um Meister Chi Sin Sim Si zu schützen. Unter der Leitung von Wong Wah Bo wurden die ersten Weng Chun Schüler auf der “Roten Dschunke: San Gam, Leung Yee Tai und Leung Lan. Nur die Weng Chun Meister, die das ganze System von ihrem Meister erlernten, wurden über die wahren Begebenheiten aufgeklärt.

Das “Schöne Gesicht” wandelt “den Zornigen”
Während der Ching Dynastie war es üblich, dass seriöse männliche Künstler auch weibliche Rollen in Opernstücken darstellten. San Gam war ein exzellenter Künstler, der einerseits besonders feminine Rollen in der Oper sehr gut spielte, andererseits das Weng Chun der “Roten Dschunke” bei Kämpfen am besten vertrat. San Gam war sein Beiname und bedeutet sinngemäß “schönes Gesicht”.
Als San Gam eines Tages im südchinesischen Fatshan Opernkleidung für die “Rote Dschunke” besorgte, wurde er von dem jungen, rüpelhaften und jähzornigen Schneiderlehrling Fung Siu Ching verhöhnt und angegriffen. Der bullige Fung Siu Ching musste erst siebenmal im Staub liegen, bis er einsah, dass er diesem seltsam anmutenden Mann hoffnungslos unterlegen war. Fung Siu Ching wollte San Gam sofort den Tee reichen (chinesischer Kung Fu Brauch, um Schüler eines Meisters zu werden). Doch San Gam lehnte mit der Begründung ab, keine jähzornigen Menschen unterrichten zu wollen. Nachdem sich Fung Siu Ching in einer einjährigen Probezeit bei San Gam bewährt hatte, wurde er in die Weng Chun Kuen Tradition aufgenommen. Er lernte zehn Jahre lang von San Gam. Später wurde Fung Siu Ching einer der berühmtesten Weng Chun Meister des asiatischen Raums. Er konnte seinen ursprünglichen Jähzorn in unbändige Schaffensenergie für das Weng Chun umwandeln.

Blütezeit des Weng Chun Kuen im 19. Jahrhundert
Meister Fung Siu Ching unterrichtete im 19. Jh. Schüler aus ganz China, aus Singapur, Thailand und aus Indonesien (auch heute noch gibt es viele asiatische Weng Chun Schulen, die sich auf Meister Fung Siu Ching oder auf die “Rote Dschunke” beziehen). Er war einer der ersten hauptberuflichen Weng Chun Kuen Meister. Unterrichtsgruppen leitete er tagsüber und zu den Nachtstunden hatte er zahlreiche Privatschüler.
Meisterschüler von Fung Siu Ching in Fatshan waren sein Sohn Fung Tin, die Gebrüder Lo, Tang Suen, Dung Jik und der “Apotheker” Ma Chung Yi.

Security in Fatshan
Während der Ching Dynastie (1644 – 1911) wurden nur größere Städte von staatlichen Beamten (vergleichbar mit Polizei) gesichert. Kleinere Städte und Dörfer wurden mit etwas Glück von bekannten Kung Fu Meistern beschützt. Die Meisterschüler von Meister Fung Siu Ching bewachten viele Dörfer in Fatshan und Umgebung.
Die Gebrüder Lo beispielsweise vertrieben, lediglich mit ihren Schmetterlingsmessern und Säbeln bewaffnet, ganze Räuberbanden. Einmal sollen die beiden Lo Brüder sogar zwanzig bewaffnete Räuber verjagt haben, ohne diese zu verletzen. Die Lo Brüder schnitten den Räubern nur die Kleider und Waffen vom Leib, sodass diese entsetzt flüchteten. Der Weng Chun Kuen “Bruder” der Los, Meister Tang Suen, erhielt von den Menschen der beschützten Dörfer den Ehrentitel “König des Langstocks”, weil er sie auch vor größten Gefahren sicher mit dem Langstock beschützte.

Der Initiator WAI YAN
Wai Yan wurde Anfang des 20. Jh. als Sohn einer reichen chinesischen Familie in Hong Kong geboren. Durch seinen älteren Freund Lo Chiu Woon kam der junge Wai Yan des Öfteren mit der Kampfkunst Weng Chun Kuen in Berührung. Doch eigentlich wollte Wai Yan nichts von “Kung Fu” wissen, da er Kung Fu-Ausübende oft als gewalttätig und ungebildet erlebte. Wäre sein Freund Lo Chiu Woon (ein Nachkomme der Gebrüder Lo) nicht gleichzeitig Weng Chun-Meister und chinesischer Gelehrter gewesen, so hätte Wai Yan sicherlich keinen Kontakt zu ihm gehabt.

Die Patenschaft
Eines Tages fragte Lo Chiu Woon Wai Yan, ob dieser seinen jungen Sohn die Kunst des chinesischen Schreibens lehren würde (dies ist vergleichbar mit der Übernahme einer Patenschaft bei uns). Wai Yan willigte freudig ein, ohne sich der Folgen seines Versprechens gänzlich bewusst zu sein. Er hatte nun die Mitverantwortung für den jungen Lo und dessen Erziehung. Dies bedeutete wiederum für Wai Yan, dass er auch das Weng Chun Kuen beherrschen musste, das innerhalb der Familientradition der Los seit mehreren Generationen gepflegt wurde. So begann Wai Yan – wenn auch eher unfreiwillig – etwa um 1930 Weng Chun Kuen bei Lo Chiu Woon und dessen Bruder Lo Hong Tai zu erlernen. Wai Yans anfängliche Ablehnung wandelte sich bald in eine leidenschaftliche Begeisterung für diese Kampfkunst. Nachdem sich Wai Yan die Weng Chun Kuen Meisterschaft erarbeitet hatte, initiierte er ein neues Projekt mit Weng Chun, um die Kunst noch weiter auszufeilen.

Das Projekt
Meister Wai Yan baute eines seiner Geschäftshäuser, das “Dai Duk Lan” in eine Weng Chun-Forschungsakademie um. Er wollte in dieser “Forschungsakademie” keine Schüler annehmen, sondern die besten noch lebenden Weng Chun (Groß-)Meister seiner Zeit versammeln und vereinen. Diese sollten mit ihm dann in “Dai Duk Lan” das Weng Chun fern jeglicher Geheimniskrämerei auf seine Effizienz hin überprüfen und perfektionieren. Als Modell für die Akademie diente das ehemalige Kloster von Shaolin. In dieser Tradition wurde bereits über mehr als tausend Jahre lang in der Weng Chun Halle das Shaolin Kung Fu entwickelt und immer wieder überprüft. Meister Wai Yans Suche nach den großen Weng Chun Meistern begann.

Der “Unbesiegbare” von Macao: Sifu Chu Chung Man
Sobald Sifu Wai Yan von einem “unbesiegbaren” Weng Chun Sifu namens Chu Chung Man gehört hatte, machte er sich auf den Weg nach Macao. Dort angekommen schloss er durch einen Zweikampf Freundschaft mit Sifu Chu Chung Man. Dieser galt in Südchina als der bekannteste Weng Chun Meister, da er stets alle Herausforderer mühelos besiegte und zudem viele (Trainings-) Kontakte zu anderen Kung Fu Meistern pflegte. Sifu Chu Chung Man war so begeistert von Sifu Wai Yans Projekt, dass er nach Dai Duk Lan zog.

Der Weng Chun-Grappler Tam Kong
Sifu Chu Chung Man kannte wiederum einen anderen herausragenden Weng Chun Meiste, Sifu Tam Kong. Dieser hatte sich auf Hebeln, Werfen und Bodenkampf spezialisiert und konnte darin die meisten Gegner spielend besiegen, da viele Kung Fu Kämpfer dem Bodenkampf zu wenig Beachtung schenkten. Sifu Tam Kong schloss sich ebenfalls dem Projekt an.

Die “Könige” der Weng Chun-Waffen
In Fatshan wurden die Weng Chun Meisterschüler von Großmeister Tang Suen, Tang Yick und Pak Cheung, die “Könige” des Langstocks genannt. Sie vertrieben oft ganze Räuberbanden, nur mit ihrem Langstock oder ihren Schwertern bewaffnet. Meister Pak Cheung galt seit der Chinesischen Kulturrevolution als verschollen (1978 fand Sifu Cheng Kwong auf einem entlegenen Bauernhof in der Nähe Fatshans den alten Großmeister Pak Tscheong. Kurz vor seinem Tod konnte auch Andreas Hoffmann noch von ihm lernen). Sifu Tang Yick konnte von Sifu Wai Yan in Hong Kong gefunden werden. Anfangs wollte Tang Yick sein Wissen nicht mit den anderen Weng Chun-Meistern teilen. Doch die Offenheit und die Herzlichkeit der anderen veränderte seine Gesinnung.

Die 5 Drachen des Weng Chun Kuen
Mit Sifu Tang Yick umfasste das Projekt nunmehr 5 Mitglieder: Sifu Wai Yan,
Sifu Lo Chiu Woon, Sifu Chu Chung Man, Sifu Tam Kong und Sifu Tang Yick. Täglich kämpften, diskutierten und lebten die Weng Chun-Meister zusammen.
Sie luden auch Kung Fu Meister anderer Stilrichtungen zum Erfahrungsaustausch ein. Die 5 Weng Chun Meister der Dai Duk Lam Forschungsakademie wurden von der chinesischen Bevölkerung ehrfurchtsvoll die 5 Drachen des Weng Chun genannt.
Das Projekt wurde von Wai Yan, Chu Chung Man und Tang Yick zwanzig Jahre lang verfolgt. In dieser Zeit versuchten sie ihr erworbenes Wissen immer wieder in Frage zu stellen und die Kunst des Zweikampfs vollkommen zu entschlüsseln. Ihr Ergebnis war eine Evolution des Weng Chun, die dem Lernenden noch mehr Sicherheit und Mühelosigkeit in seiner Selbstverteidigung ermöglicht. Anfang der 90er Jahre wurde das Zentrum des Weng Chun, Dai Duk Lan, geschlossen. Großmeister Tang Yick unterrichtete mit der Assistenz von Sifu Tang Chung Pak bis zu seinem Tod in der Playing Field Road, Großmeister Wai Yan unterrichtete nur noch seine Privatschüler.

Die Gegenwart
Bis ins Jahr 2006 lebt der letzte Drache in Hong Kong – Großmeister Wai Yan. Er initiierte das Projekt und überlebte es. Er wollte keine Schüler mehr unterrichten.
Doch Sifu Lau Chi Leong war hartnäckig genug, um schließlich von Großmeister Wai Yan als Schüler anerkannt zu werden. 1986 brachte Sifu Cheng Kwong den Deutschen Andreas Hoffmann zu dem letzten Drachen. Andreas Hoffmann lernte bis 1996 das geniale Weng Chun der 5 Drachen direkt von Großmeister Wai Yan. Er trat das ihm übergebene Erbe an und vertritt heute weltweit das Weng Chun Kuen.

 

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